Integrative Medizin – wer, wie, was wird wohin integriert?

von Nora Laubstein (ANME e.V.)

Gegenwärtig ist der Begriff „Integration“ in aller Munde. Wenn wir Integration und Naturheilkunde zusammendenken wollen, müssen wir weiter ausholen. Die dazugehörigen Stichworte lauten: Staatliches Gesundheitssystem, Gesundheitswirtschaft, USA, Universität, Komplementäre und Alternative Medizin (CAM), Evidenz-basierte Medizin (EBM), Spezialisierung und Gesundheitsberufe.

In der Politik und den Medien wird lautstark nach einer dringend notwendigen Integration von bisher als „fremd“ Empfundenem gerufen. Zugleich wird von einer sogenannten Leitkultur gesprochen. Wenn wir nun diese Entwicklung auf den Bereich der Gesundheitspolitik übertragen, erkennen wir die hier herrschende „Leitkultur“: Das staatliche Gesundheitssystem, die Gesundheitswirtschaft, wurde in den EU-Staaten zum Maß aller Dinge und es herrschen klare Regeln und Regulierungen. Dort hinein sollen sich alle integrieren – wenn sie eine Scheibe des stattlichen Finanzkuchens abbekommen möchten. Die freien Gesundheitsberufe, die außerhalb dieses Systems arbeiten, wie z.B. Hebammen, Heilpraktiker, Ernährungsberater, Privatärzte, Gesundheitspädagogen etc., zählen in Deutschland mitsamt ihren Anwendungsverfahren nicht als Teil des staatlichen Systems, sind also nicht integriert. Doch die nach der Einführung des Euro begonnene Umwandlung in eine wirtschaftliche Gesundheitswelt öffnet dem zuvor hermetisch abgeschlossenen staatlichen System die Tür zur Privatwirtschaft, und den selbständigen privaten Gesundheitsberufen den teilweisen Zugang zum staatlichen System.

Entwicklung

Seit ungefähr 10 Jahren wird die Integration auch im medizinischen Bereich vorangetrieben. Der Begriff der "Integrativen Medizin" („IM“= "integrative medicine") wurde in den USA geprägt. Er beschreibt ein fachübergreifendes Medizinverständnis, welches den Menschen in seiner individuellen Komplexität aus Geist, Seele und Körper in den Mittelpunkt des diagnostischen und therapeutischen Bemühens stellt. Die IM zeichnet sich aus durch eine unvoreingenommene, jedoch wissenschaftlich orientierte Einstellung gegenüber allen ethisch vertretbaren Heilverfahren – ganz gleich, ob es sich hierbei um Verfahren der Schulmedizin oder um naturheilkundliche Verfahren handelt. Die IM wurde von US-amerikanischen Ärzten, die sich in einem akademischen Konsortium zusammengeschlossen haben, ins Leben gerufen. Dieser Zusammenschluss trägt den Namen „Consortium of Academic Health Centers for Integrative Medicine“ www.imconsortium.org und definiert die IM wie folgt: Die Integrative Medizin ist “eine Praxis, die sich auf die Bedeutung des Patienten/Anwender Verhältnisses zurückbesinnt, den Focus auf die ganze Person richtet, auf wissenschaftliche Nachweise (evidenz-basierte Medizin=EBM) schaut und alle angebrachten therapeutischen Ansätze, Gesundheits- und andere Berufe nutzt, um eine optimale Gesundheit und Heilung zu erreichen“. Die IM ist mittlerweile ein Fachbereich an nahezu allen renommierten Universitäten der USA (z.B. Harvard Medical School, Boston; Duke University, Durham; Mayo Clinic, Rochester u.v.a.m.).

Die IM wurde in Deutschland von den Professoren Dr. Dobos (Universität Duisburg-Essen) und Dr. Michalsen (Charite-Berlin) vorgestellt und verbreitet (Buchtipp: „Chronische Erkrankungen-integrativ“, Urban+Fischer-Verlag). In diesem Buch bringen sie die IM auf eine griffige Formel: Mainstream Medicine (=Schulmedizin) + EBM-CAM (=evaluierte Naturheilkunde) + Body & Mind-Therapy (=Ordnungstherapie) = Integrative Medizin! Die deutschen Ärzte-Verbände DAMID und Hufelandgesellschaft schätzen die Bedeutung der IM selbst wie folgt ein: „Weltweit zeigt sich, dass moderne Gesundheitssysteme zunehmend integrativ ausgerichtet sind. Die Nachfrage nach einer Medizin, die konventionelle und komplementäre Medizin miteinander verknüpft, wächst…(..).“

Unterschiedliche Begriffe

Wenn wir nun die bisher gebräuchlichen Bezeichnungen wie „Komplementärmedizin“, „Alternative Medizin“, „Naturheilkunde“, „Gesundheitsförderung“ oder „Traditionelle Medizin“ betrachten, müssen wir uns fragen: In welchem Verhältnis stehen sie zum neuen Begriff der „Integrativen Medizin“? Gegenwärtig werden auf politischer Ebene all diese Bezeichnungen in der EU unter dem Kürzel CAM (Complementary and Alternative Medicine) zusammengefasst. Die WHO verwendet dafür weltweit das Kürzel T&CM (Traditional and Complementary Medicine). Die Politik weigert sich bis heute die CAM oder die T&CM in ihren staatlichen Gesundheitsprogrammen zu berücksichtigen – sie verbleiben in der Privatwirtschaft und regulieren sich selbst, gemäß ihrer eigenen selbstbestimmten Leitkultur. Die IM möchte heraus aus dieser Ecke. Sie möchte nicht mehr „nur“ ergänzend komplementär sein! Eine klassische IM-Therapie am Patienten sähe am Beispiel einer chronischen Kniegelenksentzündung mit OP-Indikation folgenderweise aus: Nach dem operativen Eingriff (konventionelle Medizin) wird mit Blutegeln (EBM-Studie für diese Indikation-CAM) nachgearbeitet und dazu erhält der Patient Ernährungs-und Bewegungstherapie (Mind/Bodytherapy). Diese Behandlungsform hat einen wissenschaftlich-klinischen Schwerpunkt, der auf einer fachärztlichen Ausbildung aufbaut und je nach Bedarf andere Gesundheitsberufe mit einbezieht.

Welche Vor- und Nachteile hat die Entwicklung einer Integrativen Medizin für die heutige Situation der Naturheilkunde in Deutschland? Bei genauerem Hinsehen ist zu sagen: „Alter Wein in neuen Schläuchen“ – die angestrebte Vernetzung und Zusammenarbeit der Gesundheitsberufe findet bereits heute statt, wenn der Patient es so will und selbst für die Finanzierung sorgt. Die gewünschte Einführung der IM in das staatliche Finanzierungssystem stellt die Entwicklung einer „Naturheilkunde-light“ in Aussicht, die die Kassenpatienten zukünftig erstattet bekommen sollen. Die Vorteile liegen eindeutig darin, dass es mehr Forschung und Studien im Bereich Naturheilkunde geben wird. Erkenntnisgewinn und steigende Akzeptanz der Naturheilkunde sind schon heute zu beobachten. Was gilt es zu beachten? a) wissenschaftlich evaluierte Naturheilkunde ist immer indikationsbezogen (z.B. „Gonarthritis“ nach Diagnoseschlüssel ICD-10), b) ein Einzelbaustein (z.B. ein Blutegel aus der Humoraltherapie) wird aus einem holistischen Therapiesystem herausgelöst und Symptom bezogen eingesetzt, c) wirtschaftlich und wissenschaftlich uninteressante CAM-Verfahren scheiden aus, und d) die IM wird je nach Gesetzeslage nur unter ärztlicher Leitung und Verantwortung praktiziert werden, damit die Leistungen der IM von der GKV erstattet werden. Die IM stellt also den neuesten Versuch dar einen Kompromiss zu finden, eine Brücke ins staatliche System bauen.

Bedeutung für Berufe

Natürlich stehen auch die beruflichen Anforderungen und Ausbildungen sofort im Blickpunkt. In Zeiten zunehmender Privatisierung ergeben sich sowohl berufsständische als auch individuelle Möglichkeiten. Das deutsche Präventionsgesetz von 2015 hat diesen Spalt noch einmal erweitert. In den letzten Jahren versuchen sich mehr und mehr der Selbstständigen zu integrieren, z.B. mit staatlichen Krankenkassen werden Verträge ausgehandelt, um in den Genuss eines schmalen staatlichen Budgets zu kommen. Außerdem springen einzelne Berufsverbände und Ausbildungsinstitute auf den Zug wissenschaftlicher Anerkennung auf und verändern leitkulturgemäß ihre Ausbildungsanforderungen (Stichwort: Mehr Theorie, weniger Praxis). Im Schlepptau einer ärztlichen Verordnung können Osteopathie, Shiatsu etc. dem Kassenpatienten zu Gute kommen. Der Wunsch sich zu integrieren bedeutet somit auch eine möglichst akademische Spezialisierung, die ein weiteres wichtiges Merkmal der staatlichen Gesundheits-Leitkultur ist. Ein herausragendes Kriterium dieser Leitkultur ist ihre berufliche Hierarchie: Wer ordnet an, wer verschreibt und wer befolgt, wer fügt sich ein – denn all dies erfüllt die staatliche Forderung nach dokumentierter Sicherheit. Welche hohe Form einer leitkulturellen Spezialisierung bereits erreicht wurde, zeigt sich am Beispiel der Orthopädie: Arzt für Orthopädie, Physiotherapeut, verschiedene Gelenkspezialisten und OP-Roboter….und hier hinein möchten sich gerne Chiropraktiker und Osteopathen als eigene Berufsgruppe hinein integrieren. Dieser Wunsch ist so groß, dass die europäischen Fachgesellschaften dieser Therapieverfahren in ganz Europa vor Gericht ziehen und beteuern, dass sie im Sinne der Mainstream-Leitkultur legal arbeiten möchten.

Auch die deutschen Heilpraktiker sind in die Entwicklung eingebunden: Einige sind schon dabei sich eifrig zu integrieren, studieren, erwerben Diplome oder benennen ihre Praxen mit Vokabeln wie „Praxis für Integrative Heilkunde“. Andere geben Kurse in Integrativer Medizin oder schließen sich in Instituten für IM zusammen. Eine interdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Gesundheitsberufen wird häufig mit IM gleichgesetzt. Die zunehmende Spezialisierung auf ein einziges naturheilkundliches Verfahren ist auf dem Vormarsch. Hierbei besteht die Gefahr, dass der durch einen einzelnen Anwender praktizierte ganzheitlich-additiven Ansatz verloren geht. Stattdessen bemühen sich nun viele spezialisierte Gesundheitsberufe um eine ganzheitliche Behandlung des Patienten. Der Dachberuf des „Heilpraktiker“, offen für eine individuelle berufliche Laufbahn, gerät durch den zunehmenden Ruf nach Spezialisierung, Standardisierung, Sicherheits-und Wirksamkeitsnachweise unter Druck. So könnte sich die IM als der finanzielle Spatz in der Hand, der besser sein soll als die Taube auf dem Dach, präsentieren. Die Übergänge werden zunehmend fließender.

Perspektive

Damit stellt sich zunehmend die philosophische Frage nach individueller Freiheit, finanzieller Existenz, beruflicher Solidarität und fachlichem Anspruch. Wenn sich die Heilpraktiker in Deutschland der Alternativmedizin zugehörig fühlen, sollten sie selbst bestimmen, was unter Alternativer Medizin zu verstehen ist. Eine völlige Integration des Alternativen würde die Auflösung jeglicher Alternative bedeuten. Es ist sozusagen eine „feindliche Umarmung“. Es geht nicht darum einem Gegeneinander das Wort zu reden, sondern für ein gesundes fachliches Selbstbewusstsein zu werben. Eine Alternative definiert sich unter anderem dadurch, eine wählbare weitere Option anzubieten und somit den Patienten ein alternatives Behandlungsangebot zur Verfügung zu stellen. Professor Dr. Harald Walach, der in Frankfurt-Oder an der Europa-Universität VIADRINA unterrichtet, hat zum Thema einen spannenden Artikel verfasst: “Integrative Medizin - Die Kolonialisierung des Anderen und die Notwendigkeit des ganz Anderen…“;

< Zurück