„WHO-Traditionelle Medizin Strategie in Verbindung mit dem ICD-11 TM-Abschnitt“

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AGTCM-Kongress 2014 in Rothenburg o.d.T.

von Nora Laubstein
Stichworte: International Classification of Diseases (ICD-11)-Neu-Codierung der WHO/ Testlauf für Traditionelle Medizin (TM)/Beispiel TCM

In Zusammenhang mit dem international gültigen Krankheits-Klassifizierungssystem ICD hatte die deutsche ArbeitsGemeinschaftTCM (AGTCM) in Zusammenarbeit mit der Europäischen TCM-Association (ETCMA) Herrn Nenad Kostanjsek, Technical Officer für Statistik und Klassifizierung bei der WHO in Genf eingeladen, um mit seinem Team in einem dreiteiligen Referat einen Überblick darüber zu geben, wie sich das ICD-System der WHO seit seinem Beginn im Jahre 1900 entwickelte.
Ab 1948 werden mit diesem System offiziell und weltweit anerkannt alle Krankheiten mit einer Kodierung versehen und systematisch aufgelistet, bisher allerdings ohne eigene Krankheitsdefinition.

Dies soll mit der neuen Version ICD-11 (von 2010-2017) geändert werden: Zusätzlich zur Erstellung von Krankheitsdefinitionen wird in Zusammenarbeit mit der Abteilung von Dr. Zang Qi (T&CM) an einer Ergänzung der bisherigen Facharztdisziplinen für CAM in Form einer ICTM-Arbeitsgruppe gefeilt. Das WHO-TM-Modul-1 wird gegenwärtig von nur drei Ländern, China, Korea und Japan, gestützt. In der Vergangenheit wurden acht CAM-Verfahren standardisiert (darunter neben der asiatischen TM auch Homöopathie, Osteopathie und Chiropraktik) und mit der allgemeinen WHO-Benchmark-Richtlinie für T&CM verbunden.

Für Herrn Kostanjsek steht fest: Die T&CM ist Teil des Gesundheitsbereichs, aber: „Die TM zählt solange nicht, solange wir die TM nicht zählen!“

Zusätzliche Forderungen nach Qualität und Sicherheit erhöhen den Druck und daher besteht die Notwendigkeit eine hochwertige Kategorisierung zu finden! Daraus ergeben sich für die WHO folgende zu entwickelnde Perspektiven:

  1. Die Entwicklung einer vergrößerten Internationalen Klassifizierung ICTM
  2. Entwicklung einer spezifischen Terminologie
  3. Die Bildung von weiteren TM-Modulen
  4. Die Entwicklung einer gemeinsamen Diagnose-Terminologie
  5. Die Integration von TM und westlicher Medizin (hierbei ist wohl TCM + Mainstream Medizin gemeint)

Der Input von außerhalb soll über die Homepageadresse www.who.int/classifications/icd11/browse/l-m/en oder im direkten Kontakt erfolgen.

Bei der nationalen Umsetzung von WHO-Richtlinien und Codierungen kann die WHO nur begrenzte technische Unterstützung leisten. Bisher wurde nur in Englisch veröffentlicht, dies soll jedoch in Zukunft in acht Sprachen geschehen. Im zweiten Teil der Ausführungen ging es um die Diagnosestellung. Die Anwender sollen die spezifischen Charakteristika selbst in Form von Feldforschungsprojekten festlegen und einbringen (selected Field Trial Units-FTUs). Bereits vorhandene Fachlektüre sollte in statistisch wissenschaftlicher Form aufbereitet werden. Besonders gefragt sind hierzu:

  1. der Input von allen Interessensvertretern (Fachärzte und Fachgesellschaften) und
  2. die Durchführung von Feldforschung (Field Tests= FT) durch Kliniken, Universitäten oder ambulante Studien.

Herr Kostanjsek beschrieb ausführlich, welches umfassende Studiendesign (drei Formate: Grundsatzfragen, Double Coding und Glaubwürdigkeit) von Nöten wäre, um das Codierungssystem in Gang zu bringen. Besonders hilfreich wären noch zusätzliche Studien zum Bereich Primäre Prävention und generelle Gesundheitsförderung.
Diese Arbeitsleistung müssten in freiwilliger Weise von den Betroffenen aufgebracht werden, da die WHO über keine Fördergelder in diesem Zusammenhang verfügt. Hierzu wären national-staatliche Gelder, Universitätsprojekte oder Hersteller von Produkten zu befragen…

Auf die Zuhörerfrage hin, was dies alles dem heutigen TCM-Anwender in der täglichen Praxis nütze, antwortete Herr Kostanjesk: Dies hängt von der politischen Strategie ab! In einer Welt die sich mehr und mehr normiere, standardisiere und beurteile, wäre es eine Frage, ob sich für den zukünftigen Erhalt der Traditionellen Medizin solch ein Kodierungssystem als nützlich erweisen könnte.

Die nachfolgende Diskussion offenbarte die unterschiedlichen nationalen und berufsspezifischen Unterschiede der anwesenden TCM-AnwenderInnen in aller Deutlichkeit – offenbar hat hier die Diskussion gerade erst begonnen! Im dritten Teil wurde in drei Gruppen ein Fragebogen des Team diskutiert und ausgefüllt. Die Grundfrage bestand in der Notwendigkeit, dem Nutzen und der persönlichen Einschätzung dieses Kodierungsverfahrens für die TM – wobei hier spezifisch die Traditionelle Chinesische Medizin befragt wurde.

Kommentar:

Eine wegweisende Veranstaltung – hier zeigte sich, dass von allen politischen Verantwortlichen (nationale Regierungen, EU, Europarat, etc.) die WHO in Sachen Traditionelle Medizin/CAM die Nase weit vorne hat und bereits weltweit Nägel mit Köpfen macht! Diese Hand ist zur Mitarbeit ausgestreckt, allerdings mit finanziellen Bedingungen gespickt. Und das bedeutet für die interessierte Seite selbst Geld in die Hand zu nehmen und die Arbeit zu leisten – und das ist nicht einfach. Bisher tun dies drei Länder, alle anderen schauen weg – und beschweren sich hinterher darüber, dass unter TM oder T&CM nur noch die Chinesische Medizin zu verstehen ist! Gerade CAM-Vertreter sollten hier nachhaken, denn auch die Fachgesellschaften stehen in der Verantwortung: Das Wissen der Experten ist gefragt, um im Spagat zwischen Evidenz-basierter Anforderung von Qualität, Sicherheit und Wirksamkeit einerseits und traditioneller „lege artis“-Anwendung mit individuellem Profil anderseits die CAM-Verfahren für die Gegenwart und Zukunft fit zu machen.