“Wissenschaft-Innovation-Politik”

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Bericht vom 9. Welt-Gesundheits-Treffen 2017 in Berlin, 15.-17. Oktober

von Nora Laubstein

Unter der Schirmherrschaft von Angela Merkel, Emmanuel Macron und dem deutschen Gesundheitsminister Herman Gröhe trafen sich circa 2000 TeilnehmerInnen zum drei-tägigen Welt-Gesundheitstreffen (WHS) in Berlin. Den Vorsitz in diesem Jahr hatte Helene Boisjoly, University of Montreal und der WHS-Gründungspräsident Detlev Ganten, Charite-Universität. Beide Universitäten sind Partner der M8-Alliance, einem 2009 gegründeten Netzwerk von zwanzig globalen akademischen Gesundheitszentren, Universitäten und nationalen Akademien.

Das WHS ist eines der einflussreichsten Strategieforen für globale Gesundheit weltweit und verbindet “Wissenschaft”, “Zivilgesellschaft“, “Privaten Bereich“ und „Politik“. Das WHS bringt Vertreter aus allen folgenden Bereichen zusammen: Gesundheitspolitik der G7/G20 Staaten, Weltweite Gesundheitssicherheit, gesunde und widerstandsfähige Kommunen, Impfforschung und Entwicklung, Aufbau von Innovationen und Gesundheitssystemen und Datensammlung für Gesundheitsministerien. Weitere Informationen über die WHS-Stiftungs- GmbH sind zu finden unter www.worldhealthsummit.org ↗
Auf streng wissenschaftlicher Basis haben sich in sechsundvierzig Diskussionsrunden und Arbeitsgruppen Redner, diverse Gäste und das Publikum den gegenwärtigen Herausforderungen der globalen Gesundheit angenommen.

In Arbeitsgruppe 7 („Definition einer globalen Strategie der EU für Gesundheit“) wurde die historisch gewachsene Rolle der Europäischen Union im Gesundheitsbereich behandelt. Alles begann 1997 mit dem Maastrichter Vertrag und dem Aktionsplan von 1997. Im Jahr 2008 folgte der erste EU-Plan für globale Gesundheit, gefolgt wiederum 2010 mit den Prinzipien „Gesundheit in allen Politkbereichen“ des Europäischen Rates. Im Juli 2017 verabschiedete die EU die Agenda 2030, inklusive der „Nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG)“. In Bezug zur Weltgesundheitsorganisation WHO besitzt die EU lediglich den Status eines Beobachters und besitzt somit als europäisch-regionaler Zusammenschluss kein eigenes Stimmrecht. Die EU entsendet lediglich eine Repräsentantin aus dem Generaldirektorat der Kommission DG-Sante.

Da sich das Thema der nachhaltigen Entwicklungsziele (SDG=Sustainable development goals) ein roter Faden durch die Diskussionen und Arbeitsgruppen zog, lohnt es sich dieses Thema eingehender zu betrachten: Um die Jahrtausendwende entwickelte die WHO sogenannte „Millennium Gesundheitsziele (MHG)“, die sich eindeutig nur auf Krankheiten bezogen. Die WHO-Mitgliedsstaaten waren jedoch mit dieser eindimensionalen Sicht der Dinge unzufrieden und verabschiedeten 2015 die neuen Entwicklungsziele, die sich an der Nachhaltigkeit orientieren sollen (= SDG). Das bedeutet konkret die Erweiterung des Begriffs „Gesundheit“ auf Bereiche wie Landwirtschaft, Ernährung, Soziales Umfeld und Gesundheitsinstitutionen. Des Weiteren wurden Menschenrechts, Gleichheit, globale Gerechtigkeit und staatliche Regelung mit diesem Begriff verbunden.
Mittlerweile hat die WHO den Begriff der „Gesundheit“ in den Mittelpunkt allen politischen Handelns gerückt, ganz im Gegensatz zum EU-Papier von EU-Kommissionspräsident Juncker. In dessen Papier steht die Wirtschaft klar an erster Stelle und der Gesundheitsbereich fristet eher ein Schattendasein.

Global Health Center Präsident und Diskussionsleiterin Ilona Kickbusch benannte deutlich die anstehenden Aufgaben für die SDG: Krieg, Migration, Ungleichheiten und Armut stellen die ständig wachsende Herausforderung für die Zukunft dar! Zusätzlich fehlen oft politische Strukturen und eine wieder stärker auftretende Tabak- und Konsumindustrie sorgen für Rückschläge.
Sie forderte klare Entscheidungen, politische Möglichkeiten, Partnerschaften und einen stärkeren Focus auf den Patienten ein. Welches sind jedoch die Hindernisse für konkrete Aktionen? Ein großes Problem ist die Beendigung eines Hilfsprojektes. Wenn das Projekt zu Ende ist, fällt alles in sich zusammen. In diesem Zusammenhang erscheint freiwillige Arbeit als nicht nachhaltig – denn freiwillige Arbeit bedeutet nicht automatisch weitergeführte Arbeit.

Auch der viel beschworene Begriff der Privaten Partnerschaft (Beteiligung durch private Unternehmen) zeigt Licht und Schatten. Justin Mc Carthy von der Firma PFIZER Inc. brachte das positive Beispiel der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung deren Engagement die Impfung von 500 Millionen afrikanischer Kinder in fünf Jahren ermöglichte. (Anmerkung: Die WHO erhält diese Spendengelder mit der Auflage sie ausschließlich für Impfungen zu verwenden. Gut informierte Kreise berichten, dass Bill Gates etliche Aktien von Impfstoffherstellern besitzen soll…) Andererseits belastet die Private Wirtschaft den Bereich der nicht-übertragbaren Krankheiten (NCD) mit den Folgen vom Gebrauch von diversen Konsumprodukten. Die Politik spricht hier von einem Gegensatz zwischen „Individuellem Wohl“ und „staatlichem Wohl“ und wünscht sich verstärkte Regulierungen durch z.B. Konsumsteuererhöhungen.

Ein bitteres Resümee zog Elhadj As Sy, General Sekretär des Roten Kreuzes: Wie soll etwas Nachhaltiges entstehen wenn wir mehr und mehr in einen dauerhaften Notfallmodus geraten? Die Dinge werden zurzeit eher schlechter, als besser! Häufig besteht keinerlei Vertrauen mehr in staatliche Strukturen die nachhaltige Bedingungen schaffen wollen.

Ein weiteres Thema war die von Ex-US-Präsident Obama 2015 ausgerufene “Präzionsmedizin und Volksgesundheit” (Precision Medicine and Population Health). Dahinter verbirgt sich der Wunsch nach einer neuen Ära der Medizin, in der es eine Gesundheitspolitik gibt, die Forschung und Technologie nutzt, um es Patienten, Anwendern und Forschern zu ermöglichen, gemeinsam für Entwicklung und individuelle Behandlung zu sorgen.
In dieser Diskussionsrunde wurden die unterschiedlichen Aspekte einer “personenzentrierten”, “individual” and “präzisions” Medizin erörtert: Mono-klonale Antikörper, Biomarker (PTMs=Human biomedical proteins), biologische Determinanten, Neu-Definition von Krebserkrankung (welcher biologische Hintergrund liegt vor?) und hoch-qualifizierte Patientendaten. Auch ganz konkrete Herausforderungen kamen zur Sprache: Können wir weiterhin randomisierte Studien verwenden? Nur 70% aller Verschreibungen werden in den Apotheken eingelöst, und nur etwa 50% der Patienten nehmen ihre Medikamente in der richtigen Dosierung ein.

Die Diskussion zum Thema Digitale Gesundheit verlief sehr lebendig: In seiner Einführung rief Salif Samake vom Gesundheitsministerium in Mali dazu auf, künftig den Patienten in den Mittelpunkt aller Anstrengungen zu stellen, damit die SDG erreicht werden könnten. Digitale Gesundheit bedeutet schlicht: Technologie in gesundheitlichen Versorgung. Diese Technologie sollte sich am Gesundheitssystem orientieren und häusliche Versorgung und Bildung ermöglichen. Hierbei sollten auch finanzielle Gesundheitsangelegenheiten erledigt werden können (z.B. Steuern, Versicherung, Einkommen, etc.). Zur Zeit gibt es weltweit 4, 8 Milliarden Mobiltelefone die genutzt werden könnten. In Krankenhäusern gibt es bereits papierlose Kommunikation und „Echtzeit-Diagnostik“. Welche weiteren Fähigkeiten sind nötig um die digitale Gesundheit zu verbreiten? Datensammlung, Koordinatoren, Trainer für Entwicklung und Strategieplanung sowie akademische Fähigkeiten.

Ein Riesenproblem stellt das Ende von Förderprojekten dar! Wenn es beendet ist, fällt alles in sich zusammen. Daher brauchen wir neue Denkansätze: Das Geld muss dem ganzen System helfen. Es sollte einfach strukturiert sein und nicht zu akademisch auftreten. Das könnte zu nachhaltigen Systemen führen, allerdings mit einem permanenten Bedarf an Ressourcen.
Michael Adelhardt von der deutschen GIZ verwies darauf, dass es leider bisher nur sehr wenig positive Erfolge bei allem Engagement gibt. Es wäre sehr wichtig Erfolge zu zeigen, denn das Potential ist vorhanden – es muss nur dokumentiert werden. Wir sollten uns vor Augen halten, dass z.B. die Telemedizin im Krankenhaus ein lokales, spezifisches Werkzeug ist, während ein ganzes nationales Programm Jahre in Anspruch nimmt.

Kommentar:

Im Titel Wissenschaft, Innovation, Politik ist die Reihenfolge von Bedeutung vorgegeben: Die Eröffnungszeremonie versetzte die Anwesenden in einen quasi religiösen Rausch im Glauben an Forschung und Wissenschaft. Nobelpreisträger Roger D. Kornberg verwies auf den fabelhaften Fortschritt der letzten einhundert Jahre. In dieser grauen Vorzeit wurden noch Blutegel, Aderlass oder gar die vier-Säfte-Lehre eingesetzt, unvorstellbar! Ins gleiche Horn stieß Werner Baumann, CEO von BAYER AG. Er forderte eine auf belegbaren, wissenschaftlichen Fakten basierende Forschung, fern von Gefühlen, Meinungen oder gar Science Fiction. Er freue sich auf die Übernahme von MONSANTO um seine Vision von Ganzheitlichkeit in Landwirtschaft, Umwelt und Medizin zu verwirklichen. Der deutsche Gesundheitsminister Herman Gröhe beeindruckte mit einem flüssigen Englisch und einer Rede, die ein klares politisches Statement deutscher Gesundheitspolitik aufzeigte. Im nächsten Jahr wird Deutschland mit 35 Millionen Euro die WHO unterstützen und ein Vorstandsmitglied stellen. Ein wichtiges Standbein deutscher Gesundheitspolitik soll die Modelle der Privaten Partnerschaft mit der Industrie und die Evidenz-basierte Forschung bleiben.
Im Zusammenhang mit dieser Veranstaltung steht die Bezeichnung “Innovation” wohl eindeutig für die Industrie, und damit das System der Privaten Partnerschaft. Die Firma La Roche Holding Ltd. Stellt sich der Herausforderung im Bereich Antibiotikaresistenzen und entwickelt neue Produkte.

Drei Tage lang kein Wort zu Komplementärer, Alternativer, Traditioneller oder Integrativer Medizin. Eine Gelegenheit in der Kaffeepause ergab ein kurzes Gespräch mit der EU-Repräsentantin bei der WHO: “Was ist Natural Medicine, etwa auch Homöopathie? Vertreten Sie die noch mit Ihrer Organisation?“