Wie viel Naturheilkunde steckt in der Agenda 2030?

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Was ist der Inhalt der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklungsziele (SDG) der Vereinten Nationen (UN), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und der Europäischen Union (EU)?

Ein Bericht über Zusammenhänge und der EU-Konferenz in Brüssel, 8. April 2019 - von Nora Laubstein

Bereits 2015 beschlossen die UN, dass sie die Welt transformieren möchten: Sie erstellten die Agenda 2030, einen Aktionsplan für die Menschen, den Planeten und allgemeinen Wohlstand. Viele Dinge wurden mit „Nachhaltigkeit“ benannt: Ein längerer Frieden, die Beendigung von Armut auf der Welt und die Zusammenarbeit mit Interessensvertretungen. Die menschliche Rasse soll von der Tyrannei der Armut befreit werden, unser Planet Erde soll geheilt und sicherer werden. Mit 17 Nachhaltigkeitszielen und weiteren 169 Zielsetzungen soll die Transformation gelingen.

Die WHO hat diesen Impuls der UN aufgenommen und auch für den Gesundheitsbereich verabschiedet. Im Jahre 2016 hat die EU nachgezogen und über die Jahre eine Agenda entwickelt, die als ein „Reflexion Paper“ am 30. Januar 2019 der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Am 8. April fand in den Räumen der EU-Kommission in Brüssel die High-Level Konferenz „Nachhaltiges Europa 2030 – Von den Zielen zur Verwirklichung“ statt.

 Zunächst zu den 17 Nachhaltigkeitszielen:

  • Ziel 1: Keine Armut,
  • Ziel 2: Kein Hunger,
  • Ziel 3: Gesundheit und Wohlergehen,
  • Ziel 4: Hochwertige Bildung,
  • Ziel 5: Geschlechtergleichheit,
  • Ziel 6: Sauberes Wasser und Sanitäreinrichtungen,
  • Ziel 7: Bezahlbare und saubere Energie,
  • Ziel 8: Menschenwürdige Arbeit und Wirtschaftswachstum,
  • Ziel 9: Industrie, Innovation und Infrastruktur,
  • Ziel 10: Weniger Ungleichheiten,
  • Ziel 11: Nachhaltige Städte und Gemeinden,
  • Ziel 12: Nachhaltige/r Konsum und Produktion,
  • Ziel 13: Maßnahmen zum Klimaschutz,
  • Ziel 14: Leben unter Wasser,
  • Ziel 15: Leben an Land,
  • Ziel 16: Frieden, Gerechtigkeit und starke Institutionen,
  • Ziel 17: Partnerschaften zur Erreichung der Ziele

– deutlich wird ein interdisziplinärer Ansatz. Während das Ziel No 3 sehr eindeutig den Gesundheitsbereich anspricht, berühren die Ziele No 2, No 6, No 10, No 12 und No 15 diesen eher indirekt.

Das Ziel No 3 der EU definiert wiederum fünfzehn Einzelkonzeptpunkte, die unter anderem den „One Health Action Plan“ in Bezug auf die Antibiotikum-Resistenzen, oder die „Digitale Transformation von Gesundheit und Pflege“ beinhalten. Beispielsweise zeigt ein Blick auf die deutsche Regierung, dass der Schwerpunkt wohl bei „Entwicklung“ liegt und von daher auch das Ministerium für Entwicklung und Zusammenarbeit zuständig ist, weniger das Gesundheitsministerium. Die „Nachhaltigkeit“ wird wohl eher beim Ministerium für Landwirtschaft und Umwelt liegen?

Hierzu bemerkt die EU: „Die Antwort der EU auf die Agenda 2030 umfasst zwei Arbeitsbereiche: Der erste besteht darin, die Ziele für nachhaltige Entwicklung in den europäischen politischen Rahmen und die derzeitigen Prioritäten der Kommission zu integrieren; der zweite besteht darin, Überlegungen zur Weiterentwicklung unserer längerfristigen Vision und zum Schwerpunkt der Sektor-bezogenen politischen Maßnahmen für den Zeitraum nach 2020 einzuleiten. Der neue Konsens soll den Rahmen für alle entwicklungspolitischen Maßnahmen der EU und ihrer Mitgliedstaaten bilden. Ein Beispiel für diesen Ansatz ist der Vorschlag für eine Europäische Investitionsoffensive für Drittländer, bei der öffentliche Entwicklungshilfe zur Mobilisierung von Mitteln aus anderen Quellen genutzt werden soll, um nachhaltiges Wachstum zugunsten der Armen zu fördern.“ Der Veranstalter der Konferenz in Brüssel, das European Political Strategy Center, hatte mit dem Organisationsduo Frau Ann Mettler und Herrn Said El Khadraoui ein vielseitiges Programm erstellt, welches diese Ziele eher abstrakt bearbeitete. So formulierte Frau Mettler folgende Bedingungen, die es zu beachten gilt, wenn wir uns den SDG`s widmen:

  1. Streng wissenschaftliche Kriterien einhalten,
  2. gerade gegenüber Politikern,
  3. denn die wissenschaftliche Wahrheit braucht Zeit, um sich durchzusetzen,
  4. und der private Sektor soll für Innovation auf wissenschaftlicher Basis zuständig sein und das „Datenloch“ schließen.

So konnte es dann auch geschehen, dass unter dem Tagungspunkt „Das Lebensmittelsystem – ein Paradigmenwechsel bei der Herstellung?“ der biologische Landbau und eine Initiative für „Lebensmittelrettung“ als etwas völlig Neues dargestellt wurden. Hierzu sei angemerkt, dass der Klassiker des biologischen Anbaus, nämlich DEMETER, mit keinem Wort erwähnt wurde. Stattdessen durften Vertreter von der World Bank Group, BASF und 3M sowie ein Vertreter der European Investment Bank ihre Versionen von einer „Investition in eine nachhaltige Zukunft“ vorstellen: „Wir sind die GRÜNE Bank!“ und „Wir richten uns nach der Politik, wir machen sie nicht“ – Große Firmen sollen die Spitzenantriebskräfte in Sachen Nachhaltigkeit sein! Stichwort: „Megatrend Nachhaltigkeit“ – Kreislaufwirtschaft und künstliche Intelligenz als Schlüssel um die SDG`s zu erreichen.

Herr Manservisi, EU-Generaldirektor für internationale Zusammenarbeit und Entwicklung benannte folgende Herausforderungen bei der Umsetzung des 2030-SDG-Rahmenplans: Die Zusammenarbeit mit dem privaten Sektor, technische Veränderungen, Ungleichheiten und der Klimawandel. Er verwies auf die große Bedeutung des politischen Dialogs und der gemeinsamen Feinabstimmung. Bevor Marianne Thyssen, EU-Kommissarin für Arbeit und Soziales in ihrem Schlusswort auf die „Pillar of Social Rights“ verwies, betonte Frau Mettler den „ganzheitlichen Ansatz“ der zukünftigen Strategie der EU und verwies aufs Neue darauf, dass die Welt verändert, transformiert werden müsse.

Kommentar: Die sehr gut besuchte Veranstaltung zeigte auf, wie groß das Interesse an diesem Thema ist und wie unterschiedlich die Interpretationen von Worten wie „Nachhaltigkeit“, „Ganzheitlicher Ansatz“, „Innovation“ oder „politischer Dialog“ sind. Ein aktuelles Beispiel dafür Bayer-Chef Werner Bauman, Hauptversammlung von BAYER, 26.April 2019: „Aufgrund der hervorragenden Aufstellung unserer Geschäfte, dem großen Potenzial für unsere Kunden, den Möglichkeiten für eine nachhaltigere Landwirtschaft sowie auch im Hinblick auf die wirtschaftliche Logik war und ist der Erwerb von Monsanto der richtige Schritt.“ Der absolute Anspruch „wir wollen die Welt auf wissenschaftliche Art und Weise transformieren“ klingt bekannt – aber ist unser Planet nicht schon längst perfekt und droht gerade aus dem Gleichgewicht zu geraten? Wo bleibt die echte Nachhaltigkeit? Die Zukunft des Menschen soll in der künstlichen Intelligenz liegen – eventuell, denn ein von mir angesprochener Wissenschaftler äußerte sich zum Thema biologischer Landbau wie folgt: „Ich weiß nicht was die Anthroposophen so machen, die machen doch seit Jahren das Gleiche, da gibt es doch nichts Neues, da lohnt doch keine Forschung.“

Zum wiederholten Mal zeigte eine Brüsseler Veranstaltung ein ambivalentes Bild: Einerseits wird mit Elan ein gutgemeintes Thema der UN aufgenommen, um es andererseits monopolartig umzudeuten, damit es wirtschaftlichen Interessen nicht schadet. Echte Kurskorrekturen finden wieder nicht statt; stattdessen wird wieder Geld in einige Forschungs-und Förderungsprojekte gesteckt – ganz wie bisher, nur dieses Mal mit dem Etikett „Transformative Nachhaltigkeit“. Hier trafen sich Politik und Wissenschaft – beide erkennen sich gegenseitig als Experten an – weit entfernt vom Rest der Welt. Beunruhigend nur, dass dies die politische Grundlage jeglicher EU-Entwicklung innerhalb der nächste zehn Jahre sein wird. Die bereits seit Jahrzehnten existierende Nachhaltigkeit der Naturmedizin und der biologisch-dynamischen Landwirtschaft sind nicht von Interesse, genauso wenig, wie z.B. die Reparatur von Elektrogeräten oder der Erhalt von Urwäldern.

Weiterführende Links:

Sustainable Europe 2030 ↗

EU-Commission:

The 2030 Agenda for Sustainable Development ↗

Commission Communication, 22 November 2016 – "Next steps for a sustainable European future - PDF download ↗

The EU role in Global Health ↗

UN:

Transforming our world: the 2030 Agenda for Sustainable Development ↗