Integrative Medizin – wer, wie, was wird wohin integriert?

von Nora Laubstein (ANME e.V.)

Gegenwärtig ist der Begriff „Integration“ in aller Munde. Wenn wir Integration und Naturheilkunde zusammendenken wollen, müssen wir weiter ausholen. Die dazugehörigen Stichworte lauten: Staatliches Gesundheitssystem, Gesundheitswirtschaft, USA, Universität, Komplementäre und Alternative Medizin (CAM), Evidenz-basierte Medizin (EBM), Spezialisierung und Gesundheitsberufe.

In der Politik und den Medien wird lautstark nach einer dringend notwendigen Integration von bisher als „fremd“ Empfundenem gerufen. Zugleich wird von einer sogenannten Leitkultur gesprochen. Wenn wir nun diese Entwicklung auf den Bereich der Gesundheitspolitik übertragen, erkennen wir die hier herrschende „Leitkultur“: Das staatliche Gesundheitssystem, die Gesundheitswirtschaft, wurde in den EU-Staaten zum Maß aller Dinge und es herrschen klare Regeln und Regulierungen. Dort hinein sollen sich alle integrieren – wenn sie eine Scheibe des stattlichen Finanzkuchens abbekommen möchten. Die freien Gesundheitsberufe, die außerhalb dieses Systems arbeiten, wie z.B. Hebammen, Heilpraktiker, Ernährungsberater, Privatärzte, Gesundheitspädagogen etc., zählen in Deutschland mitsamt ihren Anwendungsverfahren nicht als Teil des staatlichen Systems, sind also nicht integriert. Doch die nach der Einführung des Euro begonnene Umwandlung in eine wirtschaftliche Gesundheitswelt öffnet dem zuvor hermetisch abgeschlossenen staatlichen System die Tür zur Privatwirtschaft, und den selbständigen privaten Gesundheitsberufen den teilweisen Zugang zum staatlichen System.

6. Europäischer Kongress für Integrative Medizin

ECIM — 04.- 05.10.2013 in Berlin

von Dr.med. Harsha Gramminger (EUAA+ANME)

ECIM präsentierte sich in diesem Jahr hochkarätig und international. Auch in diesem Jahr konnten wieder zahlreiche Studien vorgestellt werden, die den Erfolg der Integrativen Medizin veranschaulichen. Grob geschätzt kann davon ausgegangen werden, dass nunmehr eine bemerkenswerte Anzahl von evidenz-basierten CAM-Behandlungen vorliegt – ganz entgegen den gebetsmühlenartig vorgetragenen angeblich fehlenden Studien. Hier wäre den Vortragenden durchaus mehr Selbstbewusstsein bei der Präsentation Ihrer Arbeiten zu wünschen (hierzu im Vergleich: Auch die konventionelle Medizin arbeitet nur mit bis zu 30% evidenz-basierten Verfahren). Unter Umständen haben hier die über Jahre gepflegten Ressentiments gegenüber den Verfahren und ärztlichen Anwendern der CAM ihre Spuren hinterlassen.

«Integrative Medizin» – die Kolonialisierung des Anderen und die Notwendigkeit des ganz Anderen

Harald Walach – Institut für transkulturelle Gesundheitswissenschaften, Europa-Universität Viadrina, Frankfurt/O., Deutschland
Artikel aus «Forschende Komplementärmedizin» / Februar 2010 im Karger Verlag
 

Neuerdings ist «Integrative Medizin» modern. Vor Jahren hatte man sich bei der Gründung des National Center for Complementary and Alternative Medicine (NCCAM) am National Institute of Health (NIH) in den USA auf «CAM – Complementary and Alternative Medicine» geeinigt. Nun tauchen überall die «integrativen» Korrekturen auf: medizinische Zentren, Zeitschriften, Forschungsgruppen nennen sich nun lieber «integrativ» als «komplementär-» oder «alternativmedizinisch», vor allem in den USA, aber auch zunehmend bei uns in Europa.
Die Argumentationsstruktur hierfür scheint logisch, vernünftig und überzeugend: Man nehme das aus der alternativ-komplementärmedizinischen Ecke, was sich im Sinne der «evidence-based medicine» als wirksam und brauchbar erwiesen hat, stelle den Patienten und seine Anliegen
in den Mittelpunkt («patient-centred care»), mische das in die vorhandene «beste Praxis», die sich aus der Richtlinienkultur einer unübersichtlich gewordenen Versorgungslandschaft ergibt, rühre so lange um, bis es sich gut gemischt hat und – Zauber, Zauber – man hat Integrative Medizin geschaffen.
Das ist nun eine etwas saloppe Umschreibung dessen, wie die Internetseite des NCCAM und verschiedene Mission-Statements von Akademischen Zentren und Zeitschriften ihre Aufgabe darstellen. Wollen wir einmal – nur fünf Minuten – sorgfältig nachdenken, was hier genau passiert.

Integrative Medizin: Ein Modell nachhaltiger Entwicklung?

Autor: Rainer H. Bubenzer, (02/2011 Naturamed)  

Ist "Integrative Medizin" eher eine Art "Superwissenschaft", die nach den Vorstellungen zum Beispiel des Psychosomatikers Thure von Uexküll eine zentrale Begrenzung der modernen Medizin – den fehlenden theoretischen Unterbau – philosophisch zu überwinden sucht? [1] Oder ist es eher ein, nach historischem US-amerikanischem Modell zum Beispiel eines John Milton Scudder aufgebautes eklektisches Medizinkonstrukt [2], das mehr als die aktuelle Mainstream-Medizin westlicher Prägung auch komplementärmedizinische Vorstellungen und Verfahren integrieren möchte? Ob nun tiefes Anliegen suchender Mediziner, aktuelle Mode zur Verkaufsförderung jenseits von IGeL oder Kolonialisierung der Alternativmedizin durch die Schulmedizin (Wallach [3]) – auch der dritte Europäische Kongress für Integrative Medizin (ECIM) in Berlin [4] hat viele Fragezeichen hinterlassen – vor allem bei den klassischen Dienstleistern des ersten Gesundheitsmarktes.

Der häufigen, leicht solipsistischen Auffassung (nur das eigene ICH ist wirklich, d.Red.), in Art eines wissenschaftlichen Schmelztiegels entstünde aus konventioneller Medizin und komplementären Methoden das Amalgam der Integrativen Medizin, stellte Prof. Dr. Judith Meijer, Nationaal Informatie en Kenniscentrum Integrative Medicine (NIKIM), Amsterdam [5], eine Idee entgegen, die trotz ihrer stillen Präsentation ein Grenzen sprengendes Potential haben könnte. Meijer setzte nämlich den in Umweltwissenschaft, Ökologie, Soziologie, Ethik, Kultur oder Politik zunehmend etablierten Begriff der "Nachhaltigkeit" bzw. "nachhaltiger Entwicklung" (NE) in Bezug zu dem Begriff der "Integrativen Medizin" (IM).

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Kommentar zum 1. Europäischen Kongress für Integrative Medizin, 2008

Beitrag erschienen im Medizin transparent

'Integrativ' und der Name ist Programm,

... sie wollen die Qualität der Komplementärmedizin bestimmen bei fehlender Eigenqualität ihrer Professoren sprich Ausbildung und Patientenerfahrung auf den Gebieten der Akupunktur, Test-Verfahren, Homöopathie, Ozontherapie. Sie wollen eine ‚Brücke zwischen der Schulmedizin und der Komplementärmedizin sein’, beteuert Prof. Willich, Kardiologe und Lehrstuhlinhaber der Sozialmedizin an der Berliner Charité in seinem Grußwort zum 1. Europäischen Kongress für Integrative Medizin in Berlin. Doch wer mag sie nur beraten haben, Brücke sein zu wollen zwischen Medizinufern die unterschiedlicher im Menschen- wie Krankheitsbild kaum sein können?