83. Tagung für Naturheilkunde

Prävention und Gesunderhaltung – ein Beitrag der Heilpraktiker zur Volksgesundheit

Die Münchner „Tagungen für Naturheilkunde“ sind seit über 50 Jahren Anziehungspunkt für  Heilpraktikerinnen und Heilpraktiker aus ganz Deutschland. Ebensolche Tradition wie die Tagung selbst ist die Eröffnungsveranstaltung, zu der die Gesundheitspolitiker aller Parteien sowie Vertreter der Staatsregierung und der Stadt München zu Gast sind.

Berufsständischen Referat von Ursula Hilpert-Mühlig, Vizepräsidentin des FDH-Bundesverbandes und stellv. Vorsitzende des Heilpraktikerverbandes Bayern

Bei der Eröffnungsveranstaltung im voll besetzen Vortragssaal wurde in einem berufsständischen Referat von Ursula Hilpert-Mühlig, Vizepräsidentin des FDH-Bundesverbandes und stellv. Vorsitzende des Heilpraktikerverbandes Bayern, Gesundheitsförderung als eine gesellschaftspolitische Aufgabe dargestellt, in die auch Naturheilkunde und Heilpraktiker einzubeziehen sind.

Meine sehr geehrten Damen und Herren, liebe Kolleginnen und Kollegen,

den einzelnen Menschen mit seinen individuellen Gesundheiten zu betrachten und entsprechend zu fördern – diese personale Prävention, die der Naturheilkunde wesensimmanent ist, wurde ja bereits anschaulich vorgetragen. Ergänzend möchte ich Gesundheitsförderung – im Sinne einer Verhältnisprävention – als gesellschaftspolitische Aufgabe thematisieren.

Wir Menschen leben und handeln in vielerlei Strukturen, die Einfluss auf Gesundheit und Wohlbefinden nehmen. So ist es fürs Gesundbleiben durchaus von Bedeutung, wie gesund unsere Lebensbedingungen selbst sind, also unsere Umwelt, unsere Nahrungsmittel, unsere Wohnverhältnisse, unsere Arbeitsbedingungen. Und ob wir ein langes und gesundes Leben führen können, wird entscheidend auch von unserem Sozialstatus mitbestimmt.

Denn Armut macht krank – auch in unserem Land! Laut epidemiologischer Studien des Robert-Koch-Instituts haben in Deutschland Menschen mit einem niedrigen sozio-ökonomischen Status im Vergleich zu gut Situierten eine deutlich verringerte Lebenserwartung. Ein brisantes Thema – weist doch unsere Wohlstandsgesellschaft nach dem neuesten Armutsreport über 16 % der Bevölkerung als arm aus; etwa ebenso viele sind an der unteren Einkommensgrenze angesiedelt.

Menschen aus ärmeren Bevölkerungsschichten sind in vielerlei Hinsicht einem gesundheitlichen Ungleichgewicht ausgesetzt, auch was den Zugang zu gesundheitserhaltenden Leistungen und hier insbesondere zu naturheilkundlichen anbelangt.

Sie können sich Naturheilkunde schlichtweg nicht leisten – nicht weil Heilpraktiker kein Bestandteil des Sozialversicherungssystems sind, sondern weil ein wesentlicher Teil natürlicher Heilmittel, nämlich alle Arzneien der besonderen Therapierichtung (also pflanzliche, homöopathische, anthroposophische) von einer Kassenerstattung ausgeschlossen sind – politisch gewollt.

Erlauben Sie mir einen Blick zurück ins Jahr 2004, als das Gesundheitssystem-Modernisierungsgesetz mit dieser unglückseligen Bestimmung geschaffen wurde: Vergleicht man die damals verfügbaren biologischen Präparate mit der heutigen Bestandsliste, so sind die dramatischen Verluste bei Naturheilmitteln mehr als deutlich zu erkennen. Denn in der Folge dieses Erstattungsauschlusses werden naturheilkundliche Arzneien weniger verordnet, da auch das „grüne Rezept“ des Arztes selbst bezahlt werden muss. Und nicht wenige der meist mittelständischen Biopharmafirmen reduzieren wegen erheblicher Umsatzeinbrüche ihre Herstellung; und so verschwinden nicht nur Naturheilmittel und die pflanzliche Arzneienvielfalt, sondern auch das Wissen über ihre präventiven und therapeutischen Möglichkeiten und deren empirische Auswertung. Das ist auch ein Verlust unseres Kulturerbes!

Im Gegenzug gibt es mehr (erstattungsfähige) chemische Präparate auf Rezept, oftmals mit Nebenwirkungen, die selbst Krankheitswert entwickeln und nicht selten in weitere Behandlung münden. Ich darf beispielhaft den nach wie vor hohen Antibiotikaeinsatz erwähnen – auch bei banalen Infekten –, der Mensch, Tier und Umwelt erheblich belastet.

Die Ausgrenzung der Naturarzneien ist schlichtweg kontraproduktiv: sie treibt nicht nur die Kosten – die man eigentlich verringern wollte – hoch, sie schadet letztendlich auch der Volksgesundheit. Zudem verfehlt sie das von der WHO formulierte Ziel, Traditionelle Medizin in die nationalen Gesundheitssysteme „als angemessen“ zu integrieren und dafür die erforderlichen Programme einzurichten. Verbunden mit dem Appell, vor allem auch für die ärmere Bevölkerung „den Zugang und die Erschwinglichkeit“ von Traditioneller Medizin zu verbessern; eben um Gesundheitsförderung bezahlbar und vor allem gerechter zu machen.

Und vergessen wir mit Blick auf Prävention als gesamtgesellschaftliches Anliegen nicht, dass pflanzliche Arzneimittel enorme Vorteile haben: Sie sind erneuerbar, umweltverträglich, artgerecht, kostengünstig, nebenwirkungsarm und biologisch wirksam.

Neben den gesundheitlichen Aspekten sind dies Charakteristika, die gerade in Zeiten wirtschaftlich angeschlagener Gesundheitssysteme und angesichts einer durch immer mehr chemische Substanzen belasteten Natur, dringend Gehör finden sollten!

Wir appellieren seit Jahren an die politischen Entscheidungsträger, hier die Weichen anders zu stellen, und wir tun es auch jetzt wieder – getreu dem Naturgesetz: „steter Tropfen höhlt den Stein“

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Tags: CAM, Complementary Alternative Medicine,