CEN-Standardisierungsprozess für Naturopathy

Interview mit Tonella Doro anlässlich der 18. Jahresmitgliederversammlung von ANME in Frankfurt/M.

Gedächtnisprotokoll von Nora Laubstein, 1. März 2018

NL: Sehr geehrte Frau Doro, vielen Dank dafür, dass Sie mit Ihrer Übersetzerin zu unserer Veranstaltung gekommen sind! Gerade zum Thema „Naturopathy“ gibt es viele Fragen, da dieser Begriff weltweit unterschiedlich verwendet wird. So gibt es in Kanada, den USA oder Australien den Naturopathic Doctor/ND, teils mit akademischer ärztlicher Grundausbildung, aber auch als Wochenendtitel für ca. 2000,- Euro käuflich zu erwerben. Des Weiteren haben sich in Südeuropa „Naturopathen“ etabliert, jeweils der nationalen Gesetzgebung folgend. Außerdem gibt es die unterschiedlichsten Definitionen von „Naturopathy“: Einerseits als eigenständige Einzeltherapieform im Rahmen anderer CAM- Therapien und andererseits als generellem Anspruch für alle globalen naturheilkundlichen Diagnose- und Therapieverfahren...

Frage: Können Sie da ein wenig Licht ins Dunkel bringen? Was verstehen Sie unter „Naturopathy“?

TD: Bevor ich Ihnen konkret darauf eine Antwort geben kann, müssen wir einen Blick zurück ins Italien des Jahres 2006 werfen: Die EU-Kommission verlangte von Italien Strafzahlungen dafür, dass es weiterhin keine Umsetzung ihrer Richtlinie zur Regulierung von Freiberuflern und Selbstständigen gab. Gleichzeitig befand sich alles was Naturopathy betraf in völligem Chaos und jeder konnte machen was er oder sie wollte. Die Naturopathy drohte zu unterzugehen, deshalb gründeten wir 2007 in Italien die Organisation „Naturaliter“. Gemäß der EU-Richtlinie waren nun alle professionellen Organisationen dazu aufgerufen sich registrieren zu lassen. Dies geschah beim italienischen Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung. Für den Bereich Naturopathy wurde „Naturaliter“ als einziger angenommen und somit zum einzigen institutionellen stakeholder (Interessensvertreter).

NL: Sie verwenden immer den Begriff „Naturopathy“ – was ist denn mit offiziellen Bezeichnungen wie „Komplementärer und Alternativer Medizin/CAM“ oder „Nicht- Konventionelle-Medizin“?

TD: Dazu komme ich später. Im Jahr 2007 wurde ich zur Vorsitzenden eines gemeinsamen Tisches für 70% aller selbstständigen Berufe in Italien gewählt – ich saß also gemeinsam mit Vertretern von Steuerberatern, Friseuren ect. zusammen, um über die zukünftigen Bedingungen für diese Freien Berufe zu entscheiden. Und dies im Rahmen der EU- Forderungen. Hierzu zählen auch Verbraucherschutz, Garantie für freie Berufsausübung in Europa und professionelle Qualität! Wir entschieden uns gemeinsam für den Europäischen Qualifikationsrahmen EQF als Grundlage. Der EQF bietet den italienischen Behörden die Möglichkeit zur standardisierten Kontrolle. Aber welches staatlich anerkannte Institut könnte zertifizieren? Wir starteten 2007 beim staatlichen Zertifizierungsinstitut UNI den Anerkennungsprozess.

NL: Das italienische UNI-Institut entspricht in etwa der deutschen DIN-Behörde, oder der Dekra für Automobile?

TD: In der Tat, jeder Nationalstaat in der EU besitzt solch eine Behörde und diese Behörden haben auf EU-Ebene einen Zusammenschluss namens CEN gebildet. Der Übergang vom staatlichen zum privaten Bereich ist fließend und den Entscheidungen dieser Normierungsinstitute kann jeder und jede freiwillig folgen.

NL: Es wäre also niemand im Zusammenhang mit “Naturopathy“ staatlich verpflichtet?

TD: Nein, wobei eine Erteilung eines staatlich anerkannten Zertifikates natürlich den Anforderungen nach Verbraucherschutz und Qualität entspricht. Die Arbeit bestand darin, dass wir von 2007 bis 2009 das italienische UNI-Institut in Mailand überzeugen mussten. Es dauerte insgesamt vier Jahre bis wir den UNI-Standard 11-491 für Freiberuflich Selbständige erreicht hatten. In dieser Zeit reichte das UNI-Institut einen Vorschlag, der in Zusammenarbeit mit „Naturaliter“ entstand, beim Gesundheitsministerium ein. Am gemeinsamen Tisch saßen Ärzte, Psychologen, Patienten-und Verbrauchervertreter und andere, die sich alle in den Standard einbrachten.

NL: ....und Sie als Präsidentin hatten die Koordination dieses Prozesses?

TD: Ja, und am Ende stand ein Gesetzesvorschlag für eine alle Freiberufler umfassende gesetzliche Regelung. Diese Regelung wurde verabschiedet und enthält für alle freien Berufe folgende Möglichkeiten: a) die Möglichkeit einer freiwilligen Zertifizierung gemäß dem nationalen UNI-Institut als Behörde und Akkreditierungsstelle und b) die Möglichkeit einer Mitgliedschaft in einer professionell vom Ministerium für wirtschaftliche Entwicklung anerkannten Fachorganisation. Von 2009 bis 2013 arbeiteten wir bei „Naturaliter“ an unserer Definition von „Naturopathy“. Damit sind wir dann beim Ministerium akkreditiert worden.