Wer heilt hat Recht? – Wien, 18. Juni 2014

Bericht von Renate Conrad

Das Dokumentationszentrum für traditionelle und komplementäre Heilmethoden veranstaltete eine Tagung mit dem Thema: Wer heilt hat Recht? Zur Integration traditioneller und komplementärer Heilmethoden.  Frau Dr. Michaela Noseck-Licul, die Leiterin des Zentrums, lud dazu am 18. Juni ins Weltmuseum nach Wien ein. Die Tagung war anberaumt von 10:00 bis 15:30 Uhr und danach eine Podiumsdiskussion mit den insgesamt sechs Vortragenden. Es nahmen rund dreißig Personen an der Tagung teil, die fast alle aus der Umgebung von Wien kamen und größtenteils der Berufsgruppe der Energetikerinnen angehören.

Frau Dr. Noseck-Licul beschäftigt sich als Kulturanthropologin mit der Frage der Wirksamkeit und Sicherheit traditioneller und komplementärer Heilmethoden. In der Forderung nach Sicherheit und Qualität sieht sie eine Notwendigkeit und Herausforderung für nicht reglementierte Berufe.

Die moderne Schulmedizin belegt mit klinischen Studien ihre Wirksamkeit. Bei traditionellen Heilmethoden sei zudem der philosophische, kulturellen und psychischen Hintergrund zu berücksichtigen, führte sie aus. Dies mache den Kulturvergleich zu einem hilfreichen Werkzeug, da selbst die Schulmedizin in anderen Ländern eine spirituelle Komponente aufweise.

Im folgenden Vortrag sprach Herr Dr. Rosario de Pribyl vom Ethnomedizinischen Lateinamerika-Arbeitskreis, EMLAAK zum Thema Gesundheitswesen und traditionelle Heiler in Peru: Ansätze zur Qualitätssicherung. Das riesige Land Peru hat mit allen Problemen ehemals kolonialisierter Länder zu kämpfen: Abgrenzung, Rassismus, Armut, Verständigung. Von den 27 Mio. Einwohnern leben 75% in den Städten und 25% auf dem Land oder im Dschungel. 9% der Bevölkerung ist afrikanischer und asiatischer Herkunft. Den größten Bevölkerungsanteil stellen Indios und die gemeinsamen Nachkommen. Unterschiedliche Kulturen, Sprachen und Weltsicht führen zu großen sozialpolitischen Herausforderungen, was besonders bei der Gesundheitsversorgung deutlich wird.

Der Mediziner und Philosoph, Honorio Delgado, der auch in Europa hoch anerkannt war, hat bereits um 1925 ein Bildungsmodell zur Gesundheitsaufklärung eingeführt. Hierbei entstand eine intensive Zusammenarbeit mit traditionellen Heilern und mündete in einer politischen Bewegung mit der Forderung nach mehr Selbstbestimmung. Diese wurde jedoch von der Regierung eingedämmt.

Seit 1997 erarbeiten Mediziner in Peru neue Modelle zur Harmonisierung, Standardisierung und Bildung.  Das Ziel ist eine Verbesserung der Gesundheitsversorgung, insbesondere der mittellosen Bevölkerung und die Zusammenarbeit mit traditionellen Heilern. Bisher kam kein Vorschlag auf Regierungsebene durch.

Dr. de Prybil sieht z.B. in der Methode eines Inka-Chiropraktikers den Gesundheitsbegriff der WHO erfüllt, der den physischen, psychischen und sozialen Bereich eines Menschen einschließt. Damit die gesetzliche Verankerung komplementärer Methoden erreicht werden kann, hält sie eine umfassende Dokumentation für erforderlich und die umfangreichen Erkenntnisse aus der medizinisch-anthropologischen Forschung in eine Sprache der Behörden und Medizin zu übersetzen, für ebenso wichtig.

Frau Dr. Susanne Weiss vom Bundesministerium für Gesundheit, hatte Aspekte der rechtlichen Situation zur Berufsausübung im Bereich komplementärmedizinischer Methoden zum Thema:

Der Begriff Komplementärmedizin wird offiziell verwendet, wenn z.B. ein Arzt Akupunktur oder Kinesiologie praktiziert. Eine neue gesetzliche Regelung trennt strikt zwischen Psychotherapie als wissenschaftlich fundierter Krankenbehandlung und esoterischen, spirituellen und religiösen Methoden.

Da komplementärmedizinische Methoden vielfach nicht wissenschaftlich anerkannt sind, werden die Kosten nicht von den Krankenkassen getragen. Führt jedoch die komplementäre Methode zum Erfolg, kann die Kasse im Einzelfall auf Antrag bezahlen. Es können auch Methoden wissenschaftlich fundiert sein, die noch nicht Eingang in die Schulmedizin gefunden haben, wie z.B. die Homöopathie und die Akupunktur.

Die Ausbildung und Berufsausübung des Heilpraktikers ist in Österreich unzulässig. Freien Gewerbetreibenden wie z.B. den Energetikern ist keine Krankheitsbehandlung oder Diagnose erlaubt. Zur Zeit sind 81 Methoden bekannt, mit deren Hilfe Energetiker „Wohlbefinden steigern“ können.

Nach der Mittagspause hielt Frau Ingrid Maier-Fischer ihren Vortrag. Sie ist Energetikerin mit einer Praxis für ganzheitliche Energieberatung in Wien: „Energetikerinnen in Österreich heilen nicht, therapieren nicht und können trotzdem viel  bewirken …“

Für sie besteht der menschliche Körper aus verschiedenen Energieebenen. Fehlt der Energieform „Körper“ (also der materiellen Ebene) etwas, sind Ärzte zuständig. Diese arbeiten mit zum Teil wissenschaftlich anerkannten Methoden. Ihr Handwerkszeug sind Medizin und Geräte.

Für den Energiekörper, der sich durch Empfindungen ausdrückt, ist der Energetiker zuständig. Dieser nutzt z.B. Bachblüten, die auf Chakren, Meridiane, das Chi etc. des Klienten wirken. Die Frequenzen von Blüten wirken durch Information bis in die nächste Energieebene, den Geist, der sich durch Gedanken ausdrückt. Eine Zusammenarbeit zwischen Ärzten und Energetikern könnte daher eine perfekte Ergänzung bedeuten, da wir offensichtlich nicht nur einen physischen Körper haben!

Frau Dr. med. Silvia Keberle stellte das Erfahrungsmedizinische Register – EMR vor. Diese von ihr 1994 gegründete Institution mit Sitz in Basel, setzt sich für die Qualitätssicherung in der Erfahrungsmedizin ein – für einen hohen Therapiestandard in der Schweiz und zum Schutz der Patienten.

Das EMR-Qualitätslabel arbeitet als unabhängige Institution mit 50 Mitarbeitern und hat 130 Methoden und 40 Versicherer registriert. Das EMR schafft Transparenz für Therapeuten, Versicherer und Verbraucher. Nur die beim EMR registrierten Therapeuten werden von den Versicherern bezahlt. 

Herr Prof. Dr. Tucek ist Studiengangsleiter für Musiktherapie an der IMC-Fachhochschule in Krems. Er hat die Entwicklung der Musiktherapie als Gesundheitsberuf in Österreich maßgeblich mitgestaltet. Für ihn ist die Beziehung zwischen den Menschen der entscheidende Faktor, sowohl im therapeutischen als auch im politischen Bereich. Kein Therapeut hat einen 100% Erfolg! Für ihn geht es darum die Menschen in ihrem Prozess verantwortungsvoll zu begleiten. In der Öffentlichkeit geht es um Beweise und Nachvollziehbarkeit der Methoden. Das bedeutet Sichtbarkeit, z.B. über die Medien und sich in Verbänden und Institutionen Verbündete zu suchen. „Ich hab da was, das funktioniert, weiß jedoch nicht genau wie“. Authentizität schafft Vertrauen und wirkt sich positiv auf den Gesetzwerdungsprozess aus.

Das Fazit der abschließenden Podiumsdiskussion lautete:

  1. Komplementäre Methoden sind heute weltweit den gleichen Herausforderungen ausgesetzt.
  2. Anerkennung, Qualität und Sicherheit sind dabei Schlüsselbegriffe.
  3. Oft handelt es sich um Methoden, die seit Jahrhunderten für die Menschen in ihrem jeweiligen Umfeld erreichbar und bezahlbar sind und sich vor allem auch bewährt haben.
  4. Gleichzeitig erleben immer mehr Menschen, die Grenzen der Schulmedizin und stellen Fragen nach der Sicherheit, Qualität und Ethik der herrschenden Medizin und deren Praktizierenden.
  5. Ebenso wird die Selbstverantwortung eines Menschen heute  als wichtiger Faktor für die Gesundheit des Einzelnen gesehen.
  6. Ein gleichberechtigtes Miteinander von klassisch-wissenschaftlicher Medizin und Komplementärmethoden könnte sich daher nicht nur für die Gesundheit des Einzelnen positiv auswirken, sondern auch volkswirtschaftlich zu großen finanziellen Einsparungen führen.

Infos zum CAM-Dokumentationszentrum Wien: www.cam-tm.com

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