Warum isoliertes Denken zu kurz greift, und eine naturbasierte Gesundheitsförderung essentiell ist!

Die Länder Asiens, Afrikas und Südamerikas gehen stolz und wertschätzend mit ihrer jeweiligen Traditionellen Medizin und Naturheilkunde um. Sie richten ihren Blick sowohl auf die Tradition als eine lebendige Kraft, welche die Gegenwart anregt und belehrt, und zugleich auf die Verwendung neuester Technologien und Innovationen für Diagnostik. – Die Pulsdiagnose als jahrhundertealtes Verfahren der traditionellen Medizin wird durch moderne Technologien nicht ersetzt, sondern erweitert. Durch KI, Sensoren, Spektroskopie und Digitalisierung wird sie präziser, zugänglicher und wissenschaftlich fundierter. Besonders in Ländern wie China, Japan, Südkorea und Indien wird dieser Ansatz bereits erfolgreich eingesetzt – sowohl in der klinischen Praxis als auch in der Forschung. Dies wird vor Ort politisch, finanziell und durch Forschungsprojekte unterstützt.
Die Gesundheitspolitiker dieser Staaten betrachten den „One-Health“-Ansatz der Vereinten Nationen (UN) als einen naturbasierten Zusammenhang, der die 17 Nachhaltigkeitsziele und den sozialen Ansatz der Ottawa-Charta* zum Schutz des Planeten und seiner Artenvielfalt umsetzt.
In den europäischen Ländern sind wir davon leider noch weit entfernt. Traditionelle Medizin und Naturheilkunde werden von der Gesundheitspolitik bestenfalls geduldet, zunehmend aus dem staatlichen Gesundheitswesen verbannt und in den privaten Markt verlagert. Ein freundliches und wertschätzendes Verhalten ist kaum vorhanden. Die WHO-Europe in Kopenhagen ignoriert die globalen Entwicklungen im Bereich der Traditionellen Medizin. Die Länder der Europäischen Union haben sich einem Dogma von wissenschaftlicher Evidenz, Sicherheit und Effizienz unterworfen, welches zu einem die Lebens- und Entwicklungskräfte abschnürenden Korsett geworden ist. Wenn das zentrale Ziel der EU einer „Gesundheit in allen Politikfeldern / Health in All Policies“ glaubhaft umgesetzt werden soll, ist meines Erachtens eine naturbasierte Grundlage dafür unverzichtbar! Um dies sichtbar zu machen, müssen die Traditionelle Medizin und Naturheilkunde selbstbewusster auftreten und einen direkten Bezug herstellen.
Im Jahr 2000 hat die Umweltversammlung der Vereinten Nationen (UNEA) einen Beschluss zum Verständnis von naturbasierten Lösungen gefasst. Demnach umfassen naturbasierte Maßnahmen Bereiche, die dem Schutz, der Erhaltung, der Wiederherstellung, der nachhaltigen Nutzung und Bewirtschaftung natürlicher oder veränderter Land-, Süßwasser-, Küsten- und Meeresökosysteme dienen. Diese Maßnahmen begegnen sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Herausforderungen wirksam und anpassungsfähig und tragen gleichzeitig zu menschlichem Wohlbefinden (Well-being), ganzheitlicher Resilienz sowie biologischer Vielfalt bei. Dieser Beschluss zu einer naturbasierten Sichtweise bezieht ausdrücklich den Menschen als Teil der biologischen Vielfalt dieses Planeten mit ein. Eine naturbasierte Umwelt- und Ökologiepolitik soll in einer Kreislaufwirtschaft münden, die für eine Gesundheitsförderung inklusive eines gesundheitlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens sorgt. Mehr dazu siehe **.
Der Begriff „naturbasiert / Nature-based“ ist somit kein Gegensatz zur Bezeichnung „evidenzbasiert / Evidence-based“, sondern in meinen Augen die eigentliche Umsetzung des oben beschriebenen Zusammenhanges einer „One-Health“. Vielmehr können beide Ansätze einander ergänzen: Während „evidenzbasiert“ im gesundheitspolitischen Zusammenhang vor allem die wissenschaftliche Absicherung von medizinischen Indikationen und Interventionen beschreibt, erweitert eine naturbasierte Perspektive den Bezugsrahmen um ökologische, soziale und lebensweltliche Zusammenhänge. Denn es gilt, den Blick für weiterführende Zusammenhänge und Wirkungen zu öffnen, die mit klassischen medizinischen Studiendesigns unzureichend erfasst werden. Somit wird klar ersichtlich, welche herausragende Bedeutung erweiterte, naturbasierte Forschungsansätze zur Beurteilung von Traditioneller Medizin und Naturheilkunde haben!
Ein Beispiel: Wie im Großen, so im Kleinen: Das Makrobiom – unsere äußere Umwelt als Vielfalt von Keimen, Pflanzen, Tieren und Menschen – und das Mikrobiom als schleimhaut-assoziiertes System im menschlichen Körper, beides lebt nicht isoliert von der Natur, sondern in einer Symbiose. Hieraus lässt sich ableiten, wie sehr das menschliche Wohlbefinden von einem bio-diversen Bodenleben abhängt. Die biologische Landwirtschaft arbeitet ohne synthetische Pestizide und schützt damit Insekten sowie unsere Nahrungsmittel mitsamt dem Wasser – also auf naturbasierte Weise!
Damit stehen Traditionelle Medizin und Naturheilkunde nicht am Rand, sondern inmitten aller zukünftigen strukturellen Entwicklungen; sie bilden diese ab und entwickeln innovative Lösungen im Einklang mit der Natur für eine lebenswerte Zukunft. Ganz konkret zeigt sich dies an unseren Heil- und Arzneimitteln: Während allopathische Monopräparate als endokrine Disruptoren unser Wasser belasten und durch eine nicht naturbasierte Qualitätssicherung für Plastik- und Sondermüll sorgen, ist diese Problematik bei Traditioneller Medizin und Naturheilkunde weitgehend gering oder sogar nicht vorhanden.
Unweigerlich kommen folgende Fragen auf: Was ist denn eigentlich „Natur“? Kann „Natur“ überhaupt definiert werden? Was ist, wenn eine ursprüngliche, rein biologische Natur immer weniger zu finden ist? Ist der Wandel von Natur natürlich? Die Artenvielfalt und die Entwicklung von Natur sind an die Bedingungen auf unserem Planeten gebunden, wobei unser Planet im ganz großen Maßstab Teil einer universalen Natur ist. Dieses Wissen ist die Grundlage einer Heilung mit den Kräften der Natur, denen wir Vertrauen schenken dürfen. Es liegt die Vermutung nahe, dass europäische Politik trotz aller digitalen Technologie noch tief im monokausalen und profitorientierten Denken des 19. Jahrhunderts gefangen ist.
Ausbeutung des Planeten, Zwangsumsiedlungen von Menschen, die Verwirtschaftlichung des Sozialbereichs und Vermüllung prägen die Expertise teurer Expertenräte und Unternehmensberatungen. Von daher erscheint eine weiterführende Umsetzung im Sinne eines naturbasierten One-Health-Ansatzes noch in weiter Ferne. Einfach einen „One-Health“-Aufkleber draufzukleben, ist nichts als Etikettenschwindel.
Die Traditionelle Medizin und Naturheilkunde muss sich ihrer Kraft besinnen und sich interdisziplinär sowie interprofessionell für eine naturbasierte Gesundheitsförderung einsetzen. Dafür erscheint es sinnvoll, den engen Schulterschluss zu Umwelt- und Artenschutz zu suchen und gemeinsame Forschungsprojekte zu entwickeln. So wäre die häufig postulierte Ganzheitlichkeit nicht nur auf Körper, Geist und Seele beschränkt, sondern es würden auch der soziale, umweltbezogene und kosmische Aspekt berücksichtigt.
* https://iris.who.int/items/47e2f92d-c3f7-4c5a-baa6-5ba5a1337e76

